Johannes Ballestrem on his stay in New Orleans

Johannes von Ballestrem is a pianist and and currently on high demand in the jazz scene out and about in Berlin. He received funding from Berlin’s Senate Department for Culture and Europe to study piano styles in New Orleans, Louisiana last fall. Being there, he talked about his experience in the city, the musicians that he met, and how the music he studied will influence his future musical endeavors.


Documentation: Franziska

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Johannes von Ballestrem: Ich kannte sonst nur New York, in New Orleans ist irgendwie alles entspannter, schön und warm. Es ist weitläufiger hier und auch so groß, dass man noch den Himmel sehen kann.
Einen Tag nach meiner Ankunft bin ich auf den Dampfer Natchez, das ist der letzte authentische. Auf den Rundfahrten spielen immer erstklassige Trios mit Klavier, Klarinette, Trompete und manchmal auch Schlagzeug. Ich bin da inzwischen fünfmal mitgefahren, die letzten Male durfte ich auch zwei, drei Stücke spielen – das war etwas ganz Besonderes. Wenn man daran denkt, dass Louis Armstrong mit dem Dampfer den Mississippi hochgefahren ist und er und seine Band dort den Jazz verbreitet haben, dann ist es einfach toll, selber auf so einem Dampfer zu sein. Das hat für mich eine große Tragweite.

Ich hatte in der Preservation Hall ein paar Mal Klavierunterricht, bei Steve Pistorius.
Er ist in New Orleans geboren und wahrscheinlich einer der besten Pianisten hier. Er kommt aus der Jelly-Roll-Morton-Schule, ich habe ihn gleich am 2. Tag kennengelernt. Als ich ihn fragte, ob ich bei ihm Unterricht nehmen kann, hat er mich ernst angeguckt und gesagt: „Wir können das probieren aber ich sage dir gleich, ich habe meine Prinzipien. Wenn das nicht gut klingt, werde ich dir nicht sagen, dass es gut klingt.“ Da dachte ich, er ist genau mein Typ. Wir haben uns dann getroffen und seitdem verstehen wir uns hervorragend. Es gibt wohl Viele hier, die ungenau spielen. Vor der ersten Stunde habe ich wie besessen geübt, ein ziemlich schwieriges Stück. Ich musste Steve erst einmal überzeugen, dass ich es ernst meine und auch den Ehrgeiz habe, das wirklich alles genau zu spielen und nicht irgendwie. Er ist eher wie ein Mentor für mich, es ist anders, als würde ich bloß eine Stunde bei ihm nehmen. Er nimmt sich ganz viel Zeit für mich und  versucht, mir dann alles zu geben, was er kann. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und geredet er hat mir sehr viel Musik gezeigt. Sonst unterrichtet er nicht.

Steve hat mir zum Beispiel die Aufnahme von Bunk Johnson aus den Fünfziger Jahren empfohlen, Bunk Johnson Plays Popular Songs, also Popsongs aus den Zehner und Zwanziger Jahren. Der Pianist ist Don Ewell, den hat mir Steve sehr ans Herz gelegt. Der spielt einfach sehr klar und alles ist an seinem Platz, nichts ist zu viel und nichts ist zu wenig.

Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, Stücke vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu lernen. Das ist einfach ein komplett anderes Repertoire, als wenn man in Berlin zu einer Jamsession geht. Hier wird Musik gespielt, die einfach früher entstanden ist, anfangs habe ich nie ein Stück erkannt. Und ich kenne eigentlich schon viele.
Stücke wie Tiger Rag, Muskrat Ramble, Original Dixieland One-Step, Stücke von Sidney Bechet oder Up A Lazy River, mit dem Louis Armstrong berühmt geworden ist – das ist hier allgemeines Repertoire, was jeder kennt und spielt, womit man auch überall einsteigen kann. Jeder, der sich hier in der Stadt ein bisschen auskennt mit Musik, kennt Jelly Roll Morton, auch Leute, die mit Jazz nichts zu tun haben. Das fand ich lustig.

Ich war bei einer Probe von der Band The New Leviathan Oriental Fox-Trot Orchestra. Das ist eine größere Band mit Rhythmusgruppe, Bläsern und Streichern, die existieren seit 40 Jahren. Sie haben ihr eigenes Archiv und spielen Original-Arrangements von 1890 bis 1930. Es war total beeindruckend zu sehen, wie diese Musik überhaupt klingt und zu sehen, wie sie aufgeschrieben ist. Ich nehme an, dass man das authentischer gar nicht hören kann. Wenn man die gleichen Noten irgendeiner anderen Band hinlegen würde, das würde nicht so klingen. Ich habe den Eindruck, wenn man die Pre-Ragtime-Musik für Klavier sieht, macht es plötzlich Sinn, wo Jelly Roll Morton hergekommen ist, das ist dann plötzlich nicht mehr so weit weg. Das war meine Erkenntnis von dem Probenbesuch.

Vor ein paar Tagen wollte ich zum African American Museum in Treme. Es war geschlossen aber am Haus direkt gegenüber stand ein Schild: Treme’s Petit Jazz Museum. Da bin ich am nächsten Tag hingefahren, die Tür war abgeschlossen, also rief ich an unter der Telefonnummer, die da stand. Der Mann, ein Afroamerikaner um die 70, hat mich dann hereingebeten. Das Museum ist ein kleiner Raum mit Gemälden und Fotos.  Der Betreiber heißt Al Jackson, er spricht perfekt Deutsch – er hatte in den Sechziger Jahren in Wiesbaden, Kassel und Mainz gewohnt, wo er mit der amerikanischen Luftwaffe stationiert war. Außerdem spricht er vier weitere Sprachen fließend. Er fing an, mir die Bilder zu erklären. Wir kamen schnell auf Westafrika zu sprechen, weil wir beide da schon öfter waren. Mit jedem Bild ging es einen Schritt weiter in der Geschichte, der Sklaventransport übers Meer ist ein Thema, dann der Unabhängigkeitskampf in Saint-Domingue, dem späteren Haiti. Von dort kamen Free People of Color, um sich in Treme niederzulassen – Treme war ja die erste Nachbarschaft in den USA, wo Free People of Color gelebt haben. Jackson hat alle Jahreszahlen im Kopf und er hat mir die ganze Geschichte erklärt, auch über die Trommeln in Haiti hat er gesprochen und wie die zu einer Militäreinheit kamen, die 1863 in den Bürgerkrieg eingriff, wie sich das mit der Snare Drum vermischt hat. Jackson weiß sehr viel über die vielen verschiedenen Traditionen, die aufeinander getroffen sind und die den Jazz dann haben entstehen lassen. Im Museum hängen auch Bilder von Komponisten, die ich größtenteils nicht kannte, außer Louis Moreau Gottschalk. Zu allen hat er auch etwas erzählt. Dann gab er mir alte Sheet Music und ich spielte auf dem Klavier Tanzmusik aus dem 19. Jahrhundert – pianistisch ist das schon Ragtime, nur rhythmisch noch ohne die ganze Synkopierung. Die Stücke sind harmonisch simpel aber schon damit, dass die linke Hand immer zwischen Akkorden und Basstönen springt, man spielt in Oktaven Melodien dazu. Jackson hat mir dann von einigen Komponisten Musik aufgelegt und ich habe die anschließend gespielt. Er hat das auf Kassette aufgenommen und meinte, er spielt die Aufnahmen dem Großneffen und dem Urenkel der genannten Komponisten vor.
Jackson bekommt keine öffentliche Unterstützung für das Museum, er will dort Konzerte veranstalten und Programme auch für Kinder und Jugendliche anbieten. Gerade unter dem Aspekt, dass diese Musik in Treme aus der Zusammenarbeit der vielen verschiedenen Kulturen entstanden ist.

Inzwischen kenne ich Musiker in ein paar Bands, die haben ihre Gigs und ihr Repertoire und wenn jemand kommt und sagt, er möchte gerne einsteigen, ist das meistens kein Problem, das ist willkommen. Ich gehe einfach hin und sage, dass ich gerne gleich ein bisschen mitspielen würde, dann holen sie mich auf die Bühne und ich spiele zwei bis fünf Stücke mit und dann gehe ich wieder. Unter den Musikern sind viele Zugezogene.

l to r: tb – unknown, dr – Benny Amón, tp – Alex Owen, g – Alex Belhaj, tp – Ben Polcer, cl – Chloe Feoranzo, b – Tyler Thompson, p – Johannes von Ballestrem

 

Ich habe Al ,Carnival Time’ Johnson kennengelernt. Er ist 1939 geboren und hat vor vielen Jahren Carnival Time geschrieben, einer der Top Top Top Mardi-Gras-Hits. Bei ihm habe ich einen ganzen Nachmittag und Abend verbracht und wir haben uns gegenseitig am Klavier vorgespielt. Er ist ein wahninnig lieber Mensch. Er hat einfach Groove und singt wahnsinnig gut und ist ein toller Musiker. In den Neunziger Jahren hat er zum ersten Mal Tantiemen für Carnival Time gesehen, nach jahrelangem Streit. Er sagt, als Schwarzer hast du hier keine Rechte und die Plattenfirmen zocken dich jedes Mal ab und egal, wie freundlich man ist, man sieht das Geld nie. Er ist nicht verbittert aber er spricht davon als seine Lebensrealität. Er hat es nie anders erlebt.

Eine Second Line ist ein Erlebnis. Was mir wirklich aufgefallen ist, man läuft wahnsinnig schnell, das ist so ein zügiger Schritt, als wenn ich es in Berlin eilig habe und irgendwohin muss. Man merkt das gar nicht. Ich bin mitgegangen und habe irgendwann auf die Uhr geschaut, da waren schon eineinhalb Stunden rum. Ich bin dann zurückgelaufen zu meinem Fahrrad und das hat ewig gedauert – ich hatte gar nicht realisiert wie weit wir schon gelaufen waren. Alle tanzen, wir rennen echt, man bewegt sich total schnell, es ist ein Erlebnis.

Ich war bei einem Konzert mit frei improvisierter Musik, da konnte man gut zuhören. Ein Musiker aus New Orleans hat zu mir gemeint, dass gerade in dieser Stadt sowohl die Tradition, als auch das Neue, und Grenzen sprengende, einfach dazugehört. Eins kann ohne das andere gar nicht existieren. Was für uns heute ultratraditionell ist, war für die Menschen damals ultraavantgardistisch, das bedingt sich gegenseitig. Der Musiker findet, es ist wichtig, die Tradition zu kennen aber auch zu schauen, wohin man sie heute bringen kann.

Ich hätte Lust, weiter diesen traditionellen Jazz zu spielen, weil das großartige Musik ist.  Die ist so fröhlich und jeder, der sie hört, fängt an zu lächeln und kann sie verstehen. Das finde ich eine total geniale Eigenschaft von Musik.
Ich habe auch das Gefühl, dass alles, was ich gelernt habe, abfärbt auf alles andere, was ich noch spielen werde. Auch wenn ich etwas Modernes spielen werde ist das trotzdem ein guter Einfluss. Ich muss auf jeden Fall wieder nach New Orleans.

Steven Steven Gordon Pistorius and Johannes Ballestrem!!!!

Opslået af Gio Blackmon på 27. oktober 2016

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